Darf ich meine Eltern kritisieren?

Ich wohne nicht mehr in meinem Elternhaus. Und das ist auch gut so. Ich treffe meine eigene Entscheidung wenn es darum geht, ob ich den Müll sofort wegbringe oder bis morgen warte. Auch entscheide ich selber ob ich mir schnell eine Pizza bestelle oder ein Bio-Vollkorn-Brot vom weit entfernten fairtrade Bäcker kaufe. Eine ganz wichtige Entscheidung ist natürlich auch, ob ich an meinem freien Tag schon um 8 Uhr frühstücke oder mein Frühstück erst 5 Stunden später esse. Entscheidungen die mein Leben bestimmen und mit denen ich mir mein eigenes Leben lebenswerter machen kann. Ja, und dann gibt es Dinge wo ich nix mit zu entscheiden habe. Ich kann nicht bestimmen ob mir das Bafög zusteht oder nicht. Der Müll wird nicht an meinem Wunschtag abgeholt und auch wenn ich den Müll nicht an die Straße stelle, wird er nicht abgeholt (ok, das ist übertrieben! Ein Lob an die Müllmänner die mich als „Kunden“ haben und seit meinem Einzug in „ihrer Straße“ mich schon mehrmals durch Sturmklingeln an meine Pflicht erinnerten!). Auch möchte die Wohngeldstelle, dass ich mich bitte rechtzeitig ummelde, denn einen 32. März gibt es nicht! Auch das sind Entscheidungen die mein Leben bestimmen auch wenn es nicht unbedingt meinen Lebenswert erhöht. Und wie ist das jetzt bei meinen Eltern? Wenn sie aus meiner Sicht etwas verkehrt machen oder ein besseres Ziel erreichen würden wenn sie ihr Verhalten ändern würden - darf ich das sagen? Darf ich ihnen sagen, dass eine Entscheidung kontraproduktiv war oder ist? Kann man sich da richtig entscheiden? Ist zum Beispiel eine Entscheidung GEGEN den Erziehungsstil der eigenen Eltern Kritik? Und wenn ja, darf ich diese Kritik äußern? Und wenn nicht, darf ich meine Geschwister nicht beschützen? Haben sie nicht das gleiche Recht, liebevoll erzogen zu werden? Haben sie nicht das Recht, in einem Haushalt aufzuwachsen in welchen die Grundstimmung positiv ist? Oder ist es die Verantwortung der Eltern die Erziehung meiner Geschwister wahrzunehmen? Sollte ich mich da lieber nicht einmischen? Aber, wenn ich mich jetzt nicht einmische… tue ich meinen Geschwistern einen Gefallen? Oder denke ich nur an mich, dass ich gut dastehe, dass ich keine Kritik gegenüber meinen Eltern übe? Ist es denn überhaupt Kritik? Oder eher ein Rat? Früher habe ich jeden Tag Ratschläge von meinen Eltern gehört, ob ich wollte oder nicht – kann ich das jetzt zurückgeben? Kann ich meinen Eltern einen Rat geben? Sie kritisieren? ... Ja natürlich darf ich das! Ich bin ein eigenständig denkender Mensch. Ich darf sagen was ich denke, auch meinen eigenen Eltern. Ob sie es nun hören wollen oder nicht. Es kommt ja immer darauf an, WIE etwas gesagt wird. Respekt gehört natürlich immer dazu. Natürlich kann ich Kritik an ihrem Erziehungsstil äußern. Ich darf sagen, dass mir dieses oder jenes in meiner eigenen Erziehung damals nicht gefallen hat. Ich darf sagen, dass es auch meinen Geschwistern nicht gefällt, verglichen zu werden. Natürlich dürfen Kinder Vorbilder haben – dann haben sie aber auch das Recht sich ihr Vorbild selber auszusuchen. Ein „Benimm dich doch wie …“ oder „ … hat doch auch gewusst was sie/er nach der Schule machen möchte...“ hilft absolut nicht! Und auch das darf ich meinen Eltern sagen. Auch ich musste mir früher solche Sätze anhören und dann ist es mein Recht, und für mich persönlich denke ich auch ist es meine Pflicht, meiner Geschwister davor zu bewahren. Und was ist wenn mich meine Eltern früher nicht respektiert haben? Wenn sie Entscheidungen, Meinungen oder Ideen von mir dauerhaft in Frage stellen – auch heute noch? Dann kann ich daran nichts ändern außer ihnen zu vergeben. Aber: Ich kann es anders machen!

30.12.15 21:42

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